Neues aus der Wissenschaft

Immer auf dem neuesten Stand

An dieser Stelle informieren wir Sie immer aktuell zu laufenden Diskussionen oder wichtigen Erkenntnissen aus der medizinischen Forschung und der klinischen Praxis.

Hier werden alle bisherigen und zukünftigen Beiträge hinterlegt.

01.04.2021 | Eingeschränkte ovarielle Reserve und Aneuploidierate der Embryonen

In der Kinderwunschsprechstunde sehen wir häufig Patientinnen mit einer eingeschränkten ovariellen Reserve, die ihrem Alter nicht entspricht. Daraus erwächst die Frage, ob diese Patientinnen analog auch bereits eine verminderte Qualität ihrer Eizellen aufweisen, obwohl letztere eigentlich vor allem mit dem Alter korreliert. Interessanterweise haben sich kürzlich gleich 2 Publikationen dieser Frage gewidmet.

Jaswa et al. untersuchten in einer retrospektiven Kohortenstudie, ob Frauen mit einer eingeschränkten ovariellen Reserve (Quantität) eine niedrigere Rate euploider Blastozysten (Qualität) aufweisen (Jaswa et al. Diminished ovarian reserve is associated with reduced euploid rates via preimplantation genetic testing for aneuploidy independently from age: evidence for concomitant reduction in oocyte quality with quantity. Fertil. Steril. 2021; Feb 12: Online ahead of print). Bei 1152 Frauen (19-42 Jahre) wurden 8073 Blastozysten gescreent. 225 dieser Frauen wiesen eine “diminished ovarian reserve” (DOR) entsprechend den Bologna-Kriterien (Ferraretti et al. Hum. Reprod. 2011; 26: 1616-1624) auf. Die Euploidierate lag bei einer DOR signifikant niedriger (29,0% vs. 44,9%, P < 0,01). Die Lebendgeburtenraten nach dem Single-Transfer euploider Blastozysten unterschieden sich zwischen beiden Gruppen allerdings nicht signifikant (56,8% vs. 54,8%).
Es fand sich damit eine Korrelation von ovarieller Reserve (Quantität) und Euploidierate (Qualität). Blastozysten von Frauen mit einer DOR waren häufiger aneuploid als von Frauen ohne eine DOR.

Ein gegensätzliches Ergebnis zeigte eine weitere retrospektive Studie (Pipari et al. Serum AMH levels are not associated with aneuploidy rates in human blastocysts. Reprod. Biomed. Online 2021; Mar 15: Online ahead of print). Die Autoren untersuchten hier retrospektiv bei 1718 Patientinnen mit ICSI-Zyklen die Aneuploidie-Raten der Blastozysten in Abhängigkeit vom AMH. Die Rate aneuploider Blastozysten je Metaphase II-Zelle bzw. je fertilisierter Oozyte unterschied sich in den verschiedenen AMH-Bereichen nicht. Die Regressionsanalyse beschrieb keine sigifikante Korrelation zwischen AMH und Aneuploidie-Rate der Embryonen.

Die Ergebnisse beider Studien zeigen den weiterhin notwendigen Klärungsbedarf. Momentan ist unklar, ob bei einer verminderten ovariellen Reserve altersunabhängig auch die Qualität der Embryonen beeinträchtigt ist.  

Prof. Dr. med. Frank Nawroth