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01.02.2021 | Anwendung von Dydrogesteron beim imminenten Abort

Bei Blutungen im 1. Trimenon appliziertes natürliches Progesteron (vaginal oder rektal) erhöht die Lebendgeburtenrate nicht gegenüber einem Placebo (Coomarasamy et al. A randomized trial of progesterone in women with bleeding in early pregnancy. N. Engl. J. Med. 2019; 380: 1815-1824). Die Frage ist, ob diese Aussage auch für Progestagene (mit dem Progesteronrezeptor interagierende Wirkstoffe) gilt. Bisher ist das unklar.

Bei einer anderen Gruppe – Patientinnen mit idiopathischen wiederholten Aborten – besteht nach heutiger Kenntnis ein Unterschied zwischen natürlichem Progesteron (wirkt nicht) und Progestagenen. Nach aktueller Studienlage können Progestagene (z.B. Dydrogesteron) das Abortrisiko reduzieren (Haas et al. Progestogen for preventing miscarriage in women with recurrent miscarriage of unclear etiology. Cochrane Database Syst. Rev. 2019; 11: CD003511).
Es ist also nicht auszuschließen, dass diese Differenz zwischen Progesteron und Progestagenen auch bei imminenten Aborten vorliegt.

Interessant ist darum die nachfolgend beschriebene randomisierte und kontrollierte Studie, in der beim imminenten Abort im ersten Trimenon ein Progestogen (Dydrogesteron) mit einem Placebo verglichen wurde (Chan et al. Use of oral progestogen in women with threatened miscarriage in the first trimester: a randomized double-blind controlled trial. Hum. Reprod. 2020; Dec 17: Online ahead of print).
Randomisiert wurden 406 Frauen mit vaginalen Blutungen im 1. Trimenon (40 mg Dydrogesteron oral, danach 3x 10 mg/d Dydrogesteron versus Placebo bis zum Ende der 12. SSW oder eine Woche nach Blutungsende). Den primären Outcome-Parameter stellte die Abortrate vor der 20. SSW dar.
Hinsichtlich Alter, BMI, Anzahl vorheriger Aborte und sonographischen Befunden waren beide Gruppen vergleichbar.
Im Ergebnis unterschied sich die Abortrate vor der 20. SSW mit 12,8% (26/203) in der Progestogen- gegenüber 14,3% (29/203) in der Placebogruppe nicht signifikant (RR 0,897, 95% CI 0,548-1,467; P = 0,772). Gleiches galt für die Lebendgeburtenrate (81,3% vs. 83,3%, P = 0,697).
In dieser Studie reduzierte das orale Dydrogesteron beim imminenten Abort die Abortrate vor der 20. SSW im Vergleich mit einem Placebo nicht.

Prof. Dr. med. Frank Nawroth